Hundeflüsterin Simone Lehmann

Simone resozialisiert Hunde - schwierige Hunde, die durch einen Beissvorfall oder ähnliches auffällig geworden und im Tierheim gelandet sind. Ich habe Simone durch Zufall auf dem Rückweg von einer Rumänientour kennengelernt. Ich saß an einem Sonntag mit einem Radlager-Schaden in Tschechien fest und sie hat die Hunde geholt und quasi "eingelagert", bis ich sie einen Tag später wieder einsammeln konnte. Seitdem beobachte ich fasziniert, wie ein Hund nach dem anderen ihren Haushalt betritt und irgendwann wieder vermittelt wird.

Hallo Simone, stellst du dich bitte kurz vor:

Ich lebe mit 6 eigenen Hunden und meist einem Pflegehund in der Nähe von Dresden. Bin 35 Jahre alt und seid ich 17 war habe ich sogenannte Problemhunde aufgenommen.

 

Wie kommst du zu so vielen Hunden?

Das im Detail auszuführen würde einem Roman gleich kommen. Im Grossen und Ganzen hat sich das so ergeben: Es fing mit zwei Hunden an, welche so einfach waren, dass ein dritter dazu kam und bleiben durfte. Da dieser zu schwer ein zu Hause gefunden hätte. Mein Freund hatte dann zwei eigene und irgendwann wurde das perfekte Gegenstück zu meinem schizophrenen Hund bei uns abgegeben.

Als alle zu einem guten Team zusammengewachsen waren, haben wir beschlossen hin und wieder uns einem schwierigem Fall anzunehmen.

 

Wieso Tierschutzhunde?

Ich glaube, das wurde mir in die Wiege gelegt. Ich bin mit einem bissigen Dackel, der aus dem Tierheim eingezogen ist, gross geworden. Wenn dieser mal wieder geschnappt oder gebissen hat, hat meine Mutti uns immer erklärt, dass er nichts dafür kann und auch solche Tiere eine Chance verdient haben.

 

Kannst du ,,nein,, sagen?

Mittlerweile habe ich gelernt es zu können, da ich Rücksicht auf meine vorhandenen Hunde und auf den Alltag nehmen muss. Nicht jeder Hund passt noch in unser Leben. Aber mir fällt es immer noch schwer, ich versuche dann anders zu unterstützen.

 

Hast du ein spezielles Rezept um die Hunde zu resozialisieren?

Nein - ganz und gar nicht. Am Anfang steht für mich immer erst herauszufinden, warum der Hund beisst oder warum es zu gewissen Verhaltensauffälligkeiten kommt. Erst wenn ich das in etwa raus bekommen habe oder eine Vermutung habe, fange ich an mich dem Problem zielgerichtet zu widmen.

Ich arbeite mit den Hunden über Vertrauen und positives Bestätigen. Ich strafe Fehlverhalten nicht ab, sondern versuche über Alternativverhalten zum Ziel zu kommen.

 

Was hälst du von Hilfsmitteln, wie Haltis, Stachel- oder Wasserhalsbändern?

Das grösste Problem bei Hilfsmitteln sind nicht die Mittel, sondern das die Menschen sie oft falsch einsetzen. Ich möchte gar nicht den Gebrauch von allen Hilfsmitteln verteufeln, sondern die unüberlegte Benutzung.

Die meisten Hilfsmittel gehören nicht in private Hände und sind auch nicht nötig.

Hilfsmittel bringen den Hund dazu ein bestimmtes Verhalten nicht mehr zu zeigen, da es Folgen für den Hund hat. Sie lernen aber keinem Hund mit einer Situation anders umzugehen. Man arbeitet also nur über Meideverhalten. Dies hat den Nachteil, dass es nur personengebundenes Lernen ist (geht ein Fremder dann mit dem Hund, wird der Hund noch genauso schlimm reagieren).

Ausserdem merken die Hunde recht schnell, wenn man keine Hilfsmittel mit hat, dass dann auch keine Strafe folgt. Somit kommt auch wieder das vom Menschen empfundene Fehlverhalten an den Tag.

Was hältst du von diesen Argumenten:

„Der Hund ist sonst zu gefährlich.“

„Ich kann den sonst nicht halten.“

„Wir haben alles andere versucht.“

„Das tut dem Hund gar nicht weh, (wenn er ordentlich läuft).“

Das sind menschliches Versagen und Ausreden, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Ist ein Hund zu gefährlich, kann man diesen erstmal mit Maulkorb führen. Kann man einen Hund nicht halten, sollte man sich mal überlegen warum der Hund null Interesse am anderen Ende der Leine hat.

"Wir haben alles versucht" ist das Lieblingsargument in der heutigen Zeit. Da stellt sich mir als erstes immer die Frage: was hat man denn versucht und vor allem wie lange? Training bedeutet immer Zeit und vor allem Geduld. Wichtig ist, dass ein Hund eine Struktur, klare Regeln und kein Chaos im Leben hat. Wenn man ein paar Tage mal "so" und die nächsten Tage wieder "so" mit dem Hund arbeitet, kann dieser nichts lernen. Das Einzige was wir vermitteln, ist dass wir nicht wissen, was wir wollen und jeder Hund noch selbständiger agiert.

Und wenn es dem Hund gar nicht weh tut, warum benutzt man es dann? Wenn es keine Wirkung hat, braucht man es ja auch nicht.

In Österreich ist das Stachelhalsband der Verkauf, der Besitz und die Benutzung komplett verboten. Auch da leben massiv viele Hunde. In diesem Land ist es auch möglich Hunde ohne so ein Starkzwangmittel zu trainieren. Warum sollte es mit Hunden dann in Deutschland nicht möglich sein?

 

Wieso funktionieren solche Hilfsmittel nicht langfristig oder nachhaltig ?

Wenn man Kopfschmerzen hat, nimmt man eine Tablette... irgendwann hilft diese nicht mehr, dann nimmt man ein stärkeres Mittel. Auch das funktioniert irgendwann nicht mehr, da der Körper sich dran gewöhnt hat. Entweder man besorgt sich wieder ein stärkeres Mittel oder man lässt sich mal untersuchen um die Ursache der Kopfschmerzen rauszufinden, wie z.B. einen Tumor. Man hätte noch ewig die Symptome unterdrücken können, aber es wird dennoch alles immer schlimmer.

Beim Hund ist das ähnlich, erst versucht man verbal mit scharfen Ton ein unerwünschtes Verhalten zu unterbinden. Der Hund wird darauf reagieren, da er merkt sein Mensch ist sauer. Irgendwann hat er sich aber daran gewöhnt und er wird es einfach ignorieren. Als nächstes versucht man es vielleicht mit Leinenruck oder ähnliches, auch das bringt nur kurz Erfolg. Dann nimmt man zum Beispiel ein Sprüh- oder ein Stachelhalsband. Am Anfang beeindruckt es den Hund noch und er wird vor Schreck oder Schmerz auch mit dem Verhalten aufhören. Aber auch daran gewöhnt er sich. Jedoch und es wird einfach normal für den Hund. Im schlimmsten Fall verbinden die Hunde sogar diesen Schreckreiz oder den Schmerz mit einer Situation und reagieren dann noch extremer.

Hätte man erstmal überlegt warum sich ein Hund negativ verhält und würde an der Ursache arbeiten, hätte er auch verstanden worum es geht.

 

Hast du noch ein paar Tipps für andere (zukünftige) Hundehalter?

Bei der Anschaffung oder der Haltung sollte man sich sehr gut überlegen welche Rasse man sich ins Haus holt. Viele Probleme sind einfach hausgemacht. Besitzt man einen Schutz- und Wachhund, darf man sich nicht wundern, wenn auch solches Verhalten gezeigt wird. Hat man zum Beispiel einen Dalmatiner, sollte man sich darauf einstellen, dass es Laufhunde sind und nicht zufrieden sein werden mit einer Runde um den Block. Ist ein Hund nicht rassegerecht ausgelastet, entstehen oft Verhaltensprobleme durch Frust. Oft erleben wir die schlimmsten Beschreibungen von Hunden, die zum Beispiel gegen alles und jeden gehen. Sind sie dann hier und werden gefördert und gefordert, verschwinden Fehlverhalten oft von allein, ohne jemals daran gearbeitet zu haben. Es wird sich beschwert, dass man die Jagdhunde nicht von der Leine machen kann ect... Ich denke, wenn man bewusster mit der Auswahl eines Hundes umgehen würde, gebe es gar nicht so viele "Problemhunde" und die Menschen würden nicht in ihrer Verzweiflung auf Hilfsmittel wie Stachelhalsband und Co. zurückgreifen müssen.

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Kommentare: 5
  • #1

    Maike (Donnerstag, 23 März 2017 22:17)

    super Interview, super Frau. Mein Respekt hat sie!

  • #2

    Jenny (Donnerstag, 23 März 2017 22:36)

    Für alle die heute Abend schon lesen ... im Laufe des Abends ist die Frage aufgetaucht, welche negative Wirkung Hilfsmittel haben. Ich habe sie weitergeleitet und Simone wird sich zeitnah dazu melden ;)

  • #3

    Malu (Freitag, 24 März 2017 08:01)

    meinen Respekt hat Simone schon sehr lange, sie leistet großartige Arbeit - weiter so. Etwas besseres kann einem Hund nicht passieren der auffällig wurde

  • #4

    Claudia (Freitag, 24 März 2017 11:31)

    Ihr Verständnis für die Hunde ist bewundernswert- sie leistet super Arbeit und gibt Hunden,, die bereits aufgegeben wurden, ihr Leben zurück- ich habe Respekt für all das was sie leistet!

  • #5

    Sigrid (Freitag, 24 März 2017 11:52)

    Ich hätte nie gedacht, das solch eine Meinung der Mutti solch eine Auswirkung auf schwierige Hunde haben kann.
    Ich bewundere und achte deine Arbeit mit Tieren, so wie mit Hundehalter,die sich hilfesuchend an dich wenden. Danke